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Gemäss Kriminalstatistik wurden im Jahr 2010 – neuere Zahlen sind erst im Frühling erhältlich – rund 46 000 Gewaltstraftaten verzeichnet. Davon geschahen 16 000, also gut ein Drittel, in den eigenen vier Wänden. Im Kanton Luzern rückte die Polizei in diesem Zeitraum 489-mal wegen häuslicher Gewalt aus. In 40 Fällen wurde der gewalttätige Mann aus der gemeinsamen Wohnung weggewiesen, in 24 Fällen wurde eine Pflichtberatung angeordnet. Die Zahl scheint auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär. Zieht man jedoch in Betracht, dass häusliche Gewalt hinter verschlossenen Türen stattfindet und die Opfer, in der überwiegenden Mehrheit Frauen und Kinder, meist erst die Polizei einschalten, wenn die Situation lebensbedrohlich wird, kann man sich unschwer vorstellen, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs sind.
Ein Offizialdelikt
Im Frauenhaus Luzern hat man täglich mit dieser Eisbergspitze zu tun. «Zu uns kommen Frauen, die bereits über eine sehr lange Zeit häusliche Gewalt erlebt haben», sagt die Geschäftsleiterin. Die Adresse des Frauenhauses steht nicht im Telefonbuch. Aus verständlichen Gründen. 1994 etwa wurde im Frauenhaus eine Frau von ihrem Mann getötet. Der Fall sorgte für Schlagzeilen. Wie immer bei Tötungsdelikten im Bereich häuslicher Gewalt. «Pro Jahr gibt es in der Schweiz rund 40 Todesfälle als Folge häuslicher Gewalt», sagt Othmar Roth. Er ist bei der Kripo Luzern für Anzeigen in Sachen häuslicher Gewalt zuständig. 2004 wurden solche Delikte vom Gesetzgeber zu Offizialdelikten erklärt. Seither ist es keine «Privatsache» mehr, wenn Frauen von ihren Männern misshandelt werden. «Bei einem Offizialdelikt kann die gewaltbetroffene Person die Klage bei der Polizei nicht zurückziehen», erklärt Othmar Roth. Mit dieser Regelung sollen die meist unter starkem Druck stehenden Opfer entlastet werden. Zudem werde den Gewalt ausübenden Personen signalisiert, dass der Staat häusliche Gewalt unter keinen Umständen toleriert. Und doch kommt sie vor. In allen Schichten.
Hoher Migrantinnenanteil
«Opfer häuslicher Gewalt stehen in einer emotionalen Abhängigkeit zum Täter», erzählt die Frauenhaus-Leiterin. Darum würden die Opfer meist aus Scham schweigen. Gegen aussen wird so lange wie möglich das Bild einer «normalen» Familie vermittelt. Nicht zuletzt wegen der Kinder. Aber oft entschliesst sich eine misshandelte Frau gerade wegen der Kinder zu einer Anzeige oder zu einem Aufenthalt im Frauenhaus. «Die Kinder sind immer mitbetroffen», sagt die Geschäftsleiterin, «darum werden sie im Frauenhaus auch besonders intensiv betreut.» Dabei spiele es keine Rolle, ob physisch oder psychisch Gewalt ausgeübt werde. Die physische sei eher sichtbar, die psychische richte aber ebenso grosse Schäden an. In ihrer Arbeit hat sie Kinder erlebt, die unterernährt im Frauenhaus eintrafen, weil der Ehemann seiner Frau kaum Geld für Lebensmittel gab. Oder Frauen, denen über Jahre gedroht wurde, ihnen die Kinder wegzunehmen, wenn sie nicht «spuren». Von Todesdrohungen ganz zu schweigen. Was auffällt: Rund 60 Prozent der Frauenhaus-Bewohnerinnen sind Migrantinnen. «Das ist nicht weiter erstaunlich», sagt die Leiterin, «diese Frauen haben meist kein ausserfamiliäres Beziehungsnetz, das ihnen hilft, wenn Konflikte eskalieren.» Sie wenden sich eher an die Polizei, wenn die häusliche Situation unerträglich wird.
Und die Täter?
Das Frauenhaus Luzern bietet Platz für sieben Frauen und ihre Kinder. Am Tag des Besuchs gab es einen Austritt. Nachmittags bezieht eine Frau mit vier Kindern das spartanische Zimmer unter der Dachschräge. «Da müssen wir noch zwei Betten mehr hineinstellen», sagt die Leiterin. Das Frauenhaus ist häufig ausgebucht. 2011 haben 82 Frauen und 87 Kinder Unterschlupf gefunden. Die Verweildauer beträgt im Schnitt 40 Tage. «Gemessen daran, dass wir allen Frauen zu einer Anschlusslösung verhelfen, ist das sehr kurz.» Bleibt die Frage, was Männer dazu bringt, ihre Familie physisch oder psychisch derart zu drangsalieren, dass oft kein anderer Ausweg mehr mehr bleibt als die Flucht ins Frauenhaus. «Es gibt viele Gründe dafür, dass Männer zuschlagen.» Oft hätten sie in ihrer Kindheit selber Gewalt in der Familie erlebt und nie gelernt, Konflikte mit anderen, faireren Mitteln auszutragen. Ein weiterer Risikofaktor sei Alkohol, ergänzt die Frauenhaus-Leiterin. Die Hand könne leichter ausrutschen unter Alkoholeinfluss. «Aber», gibt sie zu bedenken, «die Hand muss auch ausrutschen wollen.»
Christina Mattli
Prävention für alle
Die Broschüre «Stopp Häusliche Gewalt! So können Sie handeln» der Zentralschweizer Polizeidirektorenkonferenz wurde letzten Freitag in alle Briefkästen der Zentralschweiz verteilt. Die in zehn Sprachen abgefasste Schrift erklärt in kurzen Worten, was man unter häuslicher Gewalt zu verstehen hat und unter welchen Umständen die Polizei eingeschaltet wird sowie was passiert, wenn die Polizei gerufen wird. Die Broschüre bietet Hilfestellung für gewaltbetroffene Personen und Anlaufstellen, wo diese Hilfe und Unterstützung erhalten. Darüber hinaus bietet das Blatt aber auch Verhaltensregeln für Nachbarn, Freunde, Bekannte und Verwandte, die den Verdacht haben, dass in ihrem Umfeld häusliche Gewalt stattfindet. (cmt)
Frauenhaus Luzern
Das Frauenhaus Luzern bietet sieben Zimmer für Frauen in Notsituationen. Kinder schlafen im Zimmer der Mütter. 2011 haben 82 Frauen mit 87 Kindern (Baby- bis Teenageralter) im Frauenhaus gewohnt. Seit Eröffnung des Hauses sind diese Zahlen stabil. Ziel des Aufenthaltes sind die sozialarbeiterische Vermittlung von Beratung und Unterstützung in der Krisensituation, Rechtsberatung und Zukunftsplanung wie auch die Suche nach günstigem Wohnraum. Ein weiterer Schwerpunkt ist die sozialpädagogische Beratung der Mütter und Kinder und deren Begleitung während des Aufenthaltes. Wer als Kind Gewalt in der Familie erlebt hat, läuft Gefahr, das gleiche Muster als Erwachsener zu wiederholen. Opfer wie Täter. Den Kindern wird deshalb besondere Aufmerksamkeit engegengebracht. Wenn das Frauenhaus Luzern ausgebucht ist, werden die Frauen ausserkantonal oder, falls möglich, bei Verwandten oder Bekannten untergebracht. Das Frauenhaus Luzern ist übrigens das einzige für die gesamte Zentralschweiz. (cmt)
www.frauenhaus-luzern.ch, 24 Stunden erreichbar (041 360 70 00)
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